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Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen von Hannah Arendt

Zoom Produkt-Bild: Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen
Broschiert von Piper
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4,5 Punkte, empfehlenswert. 4,5 von 5 Punkten (durchschnittliche Bewertung)
ISBN: 3492248225, Erscheinungsdatum: Juli 2010, Auflage: 5
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Aus der Amazon.de-Redaktion


Der Prozeß gegen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem war neben den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen die wichtigste Gerichtsverhandlung gegen Schergen des NS-Regimes. Spätestens mit der Vollstreckung des Todesurteils gegen Eichmann begann auch eine Diskussion um die Sinnhaftigkeit der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen durch juristische Mechanismen. Hannah Arendt hat den Prozeß selbst miterlebt und seine Unterlagen dazu genutzt, ihr eigenes Resümee über den Holocaust und die Person Adolf Eichmann mit seiner Rolle bei der Judenverfolgung zu ziehen. Heraus kam dabei ein Buch, das bis zum heutigen Tag nichts an Gültigkeit oder Bedeutung verloren hat.
Eichmann steht prototypisch für viele der verbrecherischen Nazi-Gefolgsleute, die mit oder ohne ideologischer Verblendung, dafür aber immer mit voller Obrigkeitshörigkeit doch stets nur Befehle ausführten. Irgendeine Form der Reue geht ihm ab, denn "Reue ist etwas für kleine Kinder", so Eichmann in den Verhören. Dabei ist Reue und die daraus resultierende Selbsterkenntnis der vielleicht wichtigste Punkt einer sinnvollen Aufarbeitung. Hinter der Maske des vermeintlichen Normalos Eichmann verbirgt sich tausendfacher Schrecken -- ein Schrecken, den man auch heute noch an so manchen Stellen des Erdballs in den Personen scheinbar normaler Bürger wiederfinden kann.
Arendts Buch ist zudem eine über die persönliche Ebene hinausgehende Zusammenfassung des Holocaust, von den ersten Vertreibungen bis hin zur fürchterlichen Endlösung, denn all dies war Gegenstand des Prozesses. Bei aller berechtigter Kritik -- so gibt es heute sicherlich ausführlichere Bücher über die Historie des Holocaust -- darf man ihr eigentliches Anliegen nicht übersehen. Es ging ihr gerade um die im Untertitel aufgeführte Banalität des Bösen, um die Betrachtung der Person, die das Töten verwaltet und plant. Und genau diese Betrachtungsweise packt den Leser, denn bei der Analyse der Ereignisse im Dritten Reich sollte man immer auch die einzelnen Täter berücksichtigen. Die Erkenntnis, daß normale Menschen zu Greueltaten solchen Ausmaßes fähig sind, darf nie in Vergessenheit geraten, und so behält dieses Buch auch in Zukunft seinen Stellenwert als Warnung wie auch als Mahnmal. --Joachim Hohwieler
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5 Kundenrezensionen:

Eine etwas andere Sichtweise auf die nationalsozialistische Vernichtungspolitik
5 Punkte 5 von 5 Punkten
Der Prozess gegen Adolf Eichmann (1906-62) steht im Mittelpunkt, nimmt jedoch eine eher untergeordnete Stellung in diesem Buch ein. Der Autorin, Hannah Arendt, geht es vielmehr um eine Darstellung des Holocausts, unter Einbeziehung der Mithilfe der Juden bei ihrer eigenen Vernichtung sowie natürlich Eichmanns Rolle bei selbiger. Hans Mommsen schrieb ein 35-seitiges Vorwort.
Es wird bereits zu Beginn klar, dass Arendt gewisse Ressentiments gegenüber dem leitenden Staatsanwalt Gideon Hausner nicht zu unterdrücken vermochte. Sie sieht in ihm eine Marionette des damaligen israelischen Ministerpräsidenten, David Ben Gurion (1886-1973), der den Prozess dazu nutzen will, die Leiden des jüdischen Volks der Welt zu präsentieren (inwiefern damalige Verhandlungen über Reparationszahlungen der BRD an Israel eine Rolle spielten, bleibt unklar). Hausner gibt während des Prozesses Interviews, nimmt Eichmann ins Kreuzverhör, obgleich Eichmann auf jede Frage ohnehin nur mit Lügen antworte, auch wenn es ihm natürlich nicht gelingt, Eichmann diesbezüglich bloß zu stellen. Das Ganze werde der Autorin zufolge besonders dadurch ins lächerliche gezogen, dass die Anklage obgleich anders lautender Dokumente und Zeugenaussagen an der Auffassung festhalte, Eichmann habe nicht Befehle ausgeführt sondern sei sein eigener Chef gewesen, ja gar der eigentliche Drahtzieher des Holocausts [wenn diese Beschreibung auf einen zutrifft, dann auf Reinhard Heydrich]. Dieser Trugschluss sei dadurch zustande gekommen, dass die Angeklagten der Nürnberger Prozesse - von denen übrigens keiner die nationalsozialistische Weltanschauung zu verteidigen bereit gewesen sei - den schwarzen Peter gerne Abwesenden zuschoben sowie Eichmanns Hang zur Prahlerei.
Kurzum, der gesamte Prozess sei eine Farce. Einzig die Richter, insbesondere der Gerichtsvorsitzende Landau, hätten versucht, dem entgegenzuwirken.

Insgesamt ist dieses Buch sehr lesenswert, auch wenn es teilweise etwas durcheinander ist und die Autorin eine leichte Tendenz hat, die Dinge nur in hellen oder dunklen Farbtönen zu sehen. Auch wenn Hans Mommsen das ein oder andere per Endnote korrigierte, so liefert das Buch doch einen eher ungewöhnlichen Blick auf die Ereignisse dieser Zeit.
Eichmanns Umwertung des kategorischen Imperativs
5 Punkte 5 von 5 Punkten
In bestürzender und erschreckender Weise hat Adolf Eichmann Kants katagorischen Imperativ umgewertet und zur Rechtfertigung seiner "Pflichterfüllung" herangezogen. Aber konnte Kant sich in seiner Zeit den Massenmenschen der modernen Gesellschaft vorstellen? Der eigentliche Bruch ist nicht der Nationalsozialismus, sondern der moderne Massenmensch, der seiner persönlichen Verantwortung und Individualität enthoben, zum Verwaltungsmassenmörder werden kann. Das ist meines Erachtens die neue Banalität des Bösen und Eichmann als Person ist dabei austauschbar. Das macht dieses Buch so erschreckend aktuell und löst nicht wieder gut zu machende Bestürzung und Wut aus. Es ist das Bewußtwerden der eigenen Lage.
Sehr gut - bis auf das Essay
4 Punkte 4 von 5 Punkten
Das Werk von Hanna Arendt ist epochal für die deutsche Nachkriegshistorie. Es kann als eine Initialzündung für die Studentenrevolution der 60er Jahre gelten. Der enthaltene Bericht sollte jedoch als ein subjektives historisches Dokument seiner Zeit aufgefaßt werden, denn einige Darstellungen von Hannah Arendt wurden nach dem Prozeß wissenschaftlich widerlegt bzw. tiefergehend untersucht.

Herr Mommsen stellt diese Fakten in seinem vorangestellten 36-seitigen Essay dankenswerterweise richtig. Ob dieses jedoch so ausufernd mit seinen persönlichen Wertungen geschehen muss, bleibt das Geheimnis des Verlages.
...you see, we like our Nazis in uniforms.
5 Punkte 5 von 5 Punkten
Es ist nun schon eine Weile her, dass ich Hannah Arendts Bericht "Eichmann in Jerusalem" gelesen habe. Zwischen damals und heute liegt Quentin Tarantino's Meisterwerk "Inglourious Basterds", und dies will ich zum Einstieg in meine Rezension nutzen.
Ein Kernthema von "Ingourious Basterds" ist die Aussage, dass man Nazis kaum erkennen kann, wenn sie keine Uniformen tragen. Genau das ist auch ein wichtiger Punkt für Hannah Arendt, denn auf Adolf Eichmann hätte im Adenauer-Deutschland ganz bestimmt eine solide Beamtenkarriere gewartet, wenn er sich nicht nach Südamerika abgesetzt hätte. Es ist faszinierend zu lesen, wie Arendt in gewohnter Klarheit den Eindruck beschreibt, den dieser Mann auf sie machte. Eichmann war für sie ein Hanswurst, und ähnlich wie Tarantino's Hans Landa hätte man ihm den skrupellosen Massenmörder schlicht und einfach nicht zugetraut. Wo der von allabendlichen Kinderschreckspektakeln Marke "Hitlers linkes Auge - in Großaufnahme, unterlegt von schrillen Kreischtönen" vorgeprägte Leser einen furchteinflößenden Schlächter erwartet, findet sich ein Typ, wie man ihn auch heute noch in den unterschiedlichsten Varianten trifft und der für manche Kreise sogar eine Art Idealbild darstellt: nüchtern und strebsam, dienstbeflissen und engagiert.
Alles Weitere sollte man in diesem Buch nachlesen. Anmerken möchte ich noch, dass auch Arendts Ausführungen zu den unterschiedlichen Abläufen des Holocausts in verschiedenen Regionen Europas eine echte Bereicherung sind. Hier arbeitet sie sehr präzise heraus, dass es kein lineares "Schema F" gab, sondern dass das Verhalten der örtlichen Bevölkerung einen ganz erheblichen Einfluss darauf hatte, ob und wieviele Menschen abtransportiert wurden oder überlebten. Auch das widerspricht auf erfrischende Weise dem allgemeinen Einheitsbrei, den man ansonsten in der multimedialen Aufarbeitung des Holocausts serviert bekommt.
Ich habe nun schon einige Bücher von Hannah Arendt gelesen. "Eichmann in Jerusalem" fand ich von allen am besten. Es ist super geschrieben und bringt eine Fülle wichtiger Einsichten haargenau auf den Punkt. Ich kann es uneingeschränkt empfehlen.
"Reue ist etwas für kleine Kinder" (97).
5 Punkte 5 von 5 Punkten
1960 gelang es dem israelischen Geheimdienst den nach Ende des Zweiten Weltkrieges nach Argentinien geflohenen Adolf Eichmann festzunehmen und nach Israel zu verschleppen. Dort wurde der Bürokrat, der maßgeblich an der Organisation der Shoa beteiligt war, vor Gericht gestellt, nach achtmonatiger Verhandlung zum Tode verurteilt und am 31. Mai 1962 durch Erhängen hingerichtet. Hannah Arendt verfolgte für den "New Yorker" den Prozess. Ihre Aufzeichnungen sprengten schon bald den Rahmen einer Zeitungsreportage und wurden 1964 in Buchform unter dem Titel "Eichmann in Jerusalem - Ein Bericht von der Banalität des Bösen" veröffentlicht.

"Ich habe nie einen Juden getötet, aber ich habe auch keinen Nicht-Juden getötet. Ich habe auch nie einen Befehl zum Töten eines Juden gegeben, auch keinen Befehl zum Tötet eines Nichtjuden, auch das habe ich nicht" (326). Das besondere am Eichmannprozess war es, dass zum ersten Mal ein Tätertypus vor Gericht stand, der von sich behauptete (wohl zu Recht), niemals einen Menschen mit eigener Hand getötet zu haben, niemals aus eigener Initiative Maßnahmen zur Ermordung von Menschen getroffen zu haben und immer nur das ausführende Organ Befehle höherer Instanzen gewesen zu sein. Doch ist es gerade dieses permanente Abweisen von Verantwortung verbunden mit der zentralen Funktion, die Eichmann in diesem gigantischen "Verwaltungsmassenmord" (58) innegehabt hat, was nach Arendt das Bösartige am Täter nach dem Typ ausmacht. Exemplarisch an Eichmann verdeutlicht sie, mit welcher Perfektion es den Nazis gelungen ist, ein moralisches Wertesystem zu schaffen, welches der instinktive Tötungshemmung eines Menschen zuwider läuft: "Im Dritten Reich hatte das Böse die Eigenschaft verloren, an der die meisten Menschen es erkennen - es trat nicht mehr als Versuchung an die Menschen heran. Viele Deutsche und viele Nazis [...] haben wohl die Versuchung gekannt, nicht zu morden, nicht zu rauben, ihre Nachbarn nicht in den Untergang ziehen zu lassen [...]. Aber sie hatten, weiß Gott, gelernt, mit ihren Neigungen fertigzuwerden und der Versuchung zu widerstehen" (249). Auf der Werteskala der Nazis wurde der absolute Gehorsam gegenüber Höhergestellten zum neuen kategorischen Imperativ des Systems, egal, welche Konsequenzen dieser Gehorsam mit sich brachte. "Böse" war es nun nicht mehr, Menschen zu töten. "Böse" war es, Befehlen nicht zu gehorchen, die massenhaftes Morden anordneten: "Seine Schuld war sein Gehorsam, und Gehorsam werde doch als Tugend gepriesen. Seine Tugend sei von den Regierenden missbraucht worden" (365). Eichmanns Rechtfertigung lässt sich nur verstehen, wenn man sich die Werteskala der Nazis verdeutlicht. Und genau darin liegt das banal-böse, worin zumindestens ein Schlüssel zum Verständnis des Nationalsozialismus liegt. Das Sich-aus-der-Verantwortung ziehen wurde mit Hinweis auf die neue Kardinaltugend so einfach gemacht. Doch diesen Punkt lässt Arendt zur moralischen Absolution Eichmanns nicht gelten und hält dagegen: "Das Verantwortlichkeitsausmaß wächst vielmehr im allgemeinen, je mehr man sich von demjenigen entfernt, die die Mordwaffe mit seinen Händen in Bewegung setzt" (364).

Fazit: Hannah Arendt wurde für ihr Buch heftig angefeindet. Zu kritisch sei ihr Umgang mit der Verantwortung jüdischer Organisationen bezüglich der Shoa während des Zweiten Weltkrieges, anmaßend ihre Frage, warum die Juden sich nicht mehr gegen ihre eigene Vernichtung gewehrt haben. Und auch die Widerständler des 20. Juli werden von Arendt heftig attackiert (vgl. S. 193). Doch ist es gerade der provokante und durchaus auch unwissenschaftliche Stil, der die Klasse von Arendts Büchern ausmacht. Somit bleibt "Eichmann in Jerusalem" bis heute eines der ganz wichtigen Bücher, wenn es darum geht, moralische und psychologische Grundlagen des Naziregimes zu offenbaren. Grundlegendere Überlegungen zum "Bösen" finden sich in Arendts hervorragender Vorlesungsreihe Über das Böse.
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