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Die Erfindung des jüdischen Volkes: Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand von Shlomo Sand

Zoom Produkt-Bild: Die Erfindung des jüdischen Volkes: Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand
Gebundene Ausgabe von Propyläen
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3,5 Punkte. 3,5 von 5 Punkten (durchschnittliche Bewertung)
ISBN: 3549073763, Erscheinungsdatum: April 2010
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5 Kundenrezensionen:

Provokante These, jedoch wissenschaftlich widerlegt
1 Punkte 1 von 5 Punkten
Schade nur, dass die deutsche Regierung der Jahre 1933 bis 1945 Sands Thesen nicht kannte. Hätte sie davon gewusst, dass das Judentum als Volk bzw. Rasse nur eine Erfindung zionistischer Propaganda war, dann hätten sie womöglich sich und anderen viel Ungemach erspart.

Sands Erkenntnisse mögen nur diejenigen überraschen, die die Bibel bisher unreflektiert als Geschichtsbuch verstanden. Die bronzezeitliche Volkwerdung Israels und seine erste Staatsgründung vollzog sich nicht im Hauruckverfahren "Exodus-40jährige Wanderschaft-Landnahme", sondern durch eine langsame Vermischung von Kanaanitern mit geflohenen ägyptischen Sklaven, von denen eine Gruppe als Moses-Gruppe zu identifizieren ist. Das ist seit Jahrzehnten Forschungsstand, vor allem in Israel, wo man ja auch den direktesten Zugang zu archäologischen Zeugnissen hat. (so z.B. auch Hans Küng, der 1991 in "Das Judentum - Wesen und Geschichte" den auch damals nicht neuen Kenntnisstand wiedergab). Diese Mischbevölkerung organisierte sich in mehreren Stämmen und konstituierte sich später nicht zuletzt über einen strikten Monotheismus als Nation. Diese war aber beileibe nie ein exklusiver Club, wie man unschwer im Buch Ruth nachlesen kann.

In der Tat war das Judentum zeitweise für Beitritte deutlich offener, als es heute ist. Die Halacha, das jüdische Recht, reagiert entgegen landläufiger Vorstellung durchaus dynamisch auf die Erfordernisse der Menschen, die nach ihr leben. Übertritte wurde stets als Beitrag zum Erhalt des Judentums als Volk gesehen (ähnlich wie bei den indigenen Völkern Nordamerikas, nur auf freiwilliger Basis). Allerdings ist man heute deutlich vorsichtiger, manche jüdische Gemeinden lassen Beitrittskandidaten zuerst mal von einem Psychologen checken - eine Aufnahmepolitik, mit der in anderen Organisationen viel Unglück verhindert werden könnte, z.B. der an lautstarken "Israel-Kritikern" nicht armen Linkspartei.

Sands Theorie, dass das Judentum im Verlauf der Jahrhunderte durch zum Teil massenweise Übertritte so "durchmischt und durchrasst" sei (die Redewendung stammt nicht von ihm, sondern von Edmund Stoiber), dass es nicht mehr als Nation, sondern nur mehr als Religionsgemeinschaft zu betrachten sei, hat trotz vieler sicher ordentlich vorgetragener Fakten und Argumente zwei tödliche Geburtfehler:

Erstens: Eine Nation primär ethnisch zu konstituieren, ist in der Staatsphilosophie eher die Ausnahme - und zwar eine zumindest gefahrenreiche, oft auch leider unheilvolle. Gerade der völkische Staatsbegriff war prägend für die NS-Ideologie, wenn er auch nicht von ihr entwickelt wurde. Denn gerade Deutschland definierte sich bereits vor 1933 anders als andere Staaten über die gemeinsame Herkunft des Staatsvolkes, und das sogenannte "ius sanguinis" war auch nach 1945 für das deutsche Staatsbürgerschaftsrecht maßgeblich.
Die Mehrzahl aller modernen Staaten definiert sich hingegen als Staatsnation über das Bekenntnis zu gemeinsamen Wertvorstellungen und Normen, die Abstammung ist sekundär. Und das Judentum definierte sich stets gerade über Wertvorstellungen und Normen - also als "demos" und nicht als "ethnos".

Zweitens: Laut einer 2010 im angesehenen "American Journal of Human Genetics" erschienen Studie weisen jüdische Menschen aus ganz unterschiedlichen Gegenden dieses Planeten gemeinsame genetische Merkmale auf, die eine überwiegend gemeinsame Herkunft belegen. Sands provokante Thesen sind also nicht nur eine Themaverfehlung, sie sind auch objektiv falsch.

Ihre Instrumentalisierung zur Delegitimierung des heutigen Israels geht übrigens an den tatsächlichen Gründen für die neuzeitliche Staatswerdung Israels vorbei. Die erfolgte nicht aufgrund frommer Überlieferung, sondern aufgrund aktueller Notwendigkeit. Nachdem Ende des 19. Jahrhunderts der religiöse Antijudaismus in Europa von einem aggressiven, rassisch motivierten Antisemitismus abgelöst worden war und dessen eliminatorischen Züge letztlich im industriellen Massenmord des Holocaust gipfelten, war die Errichtung eines jüdischen Staates eine nicht mehr weg zu diskutierende Notwendigkeit. Wenn selbst im Land Goethes und Schillers jüdische Menschen nicht sicher leben konnten, so brauchten sie ein eigenes.

Es ginge jedoch deutlich zu weit, Sand in die Reihe der "Referenzjuden" des modernen Antisemitismus (Menuhin jr., Hecht-Galinski usw.) einzureihen. Wissenschaft lebt davon, dass Theorien aufgestellt, geprüft und dann bestätigt oder verworfen werden. Sands Theorie ist als widerlegt zu verwerfen, sie ist aber nicht verwerflich. Sand hat hier einfach nur auf Sand gebaut.

Niemanden darf es aber verwundern, dass das Buch gerade auch unter deutschen Israel-Kritikern ("Man wird doch gerade schließlich auch als Deutscher Israel kritisieren können dürfen müssen...") auf begeisterten Zuspruch stieß: Wenn es kein jüdisches Volk gibt, dann kann es ja auch keinen Völkermord daran gegeben haben. Das macht für die Enkelkinder der Täter die Erinnerung an die Kamine von Auschwitz doch gleich ein wenig erträglicher.

P.S.: Wer ein wirklich vergnügliches Buch über einen israelischen Gründungsmythos lesen möchte, dem möchte ich Stefan Heyms "König-David-Bericht" ans Herz legen: "The One and Only True and Authoritative, Historically Correct and Officially Approved Report on the Amazing Rise, God-fearing Life, Heroic Deeds and Wonderful Achievements of David, Son of Jesse".
gemeinsam über Provokationen nachdenken
5 Punkte 5 von 5 Punkten
Gerade wir Deutschen haben es schwer wenn es um Israel geht. Schauen wir uns allein die Biografie des Autoren an. 1946 wurde er als Kind polnischer Juden in Linz geboren. 1949 ging die Familie nach Israel. Shlomo Sand studierte Sozialwissenschaften in Paris und lehrt heute an der Universität in Tel Aviv. In seinem Land Israel gehört er zu den führenden Intellektuellen und zugleich zu den schärfsten Kritikern der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern.

So widmet der Autor sein Buch allen Flüchtlingen die das Land erreichten, und all jenen, die es verlassen mussten. Allein diese Widmung macht bereits den mächtigen Spannungsbogen spürbar in dem wir uns befinden wenn wir auf die über 3000 - jährige Geschichte des Judentums schauen.

Zu Beginn klärt der Autor Begriffe wie Nation und Mythos. Er ist dicht an der Bibel und an Gott und verwundert mich mit revolutionären Gedanken, mit denen er sicher bei vielen nicht gut ankommt. "Ich halte die Juden nicht für ein Volk, denn der heutige Gebrauch des Begriffes zielt auf eine Gruppe von Menschen ab, die ein bestimmtes Territorium bewohnt, auf dem sich eine bestimmte Alltagskultur entwickelt hat . . ." so schreibt der Autor und sieht dies im vorliegenden Falle als nicht gegeben an.

Es kommt noch provokativer. Sand stellt in keiner Zeile seines Buches das Existenzrecht des Staates Israel in Frage, aber den Alleinanspruch auf das Gelobte Land schon. Er bezeichnet die Juden als religiöse Gemeinschaft, keinesfalls als ethnische Gemeinschaft. Das birgt Konflikte in sich. Aber Shlomo Sand steht nicht allein mit seiner Meinung im eigenen Land.

Und er geht noch einen Schritt weiter in seinen spektakulären Überlegungen. Seiner Ansicht nach sind heute viel eher die Palästinenser die ethnischen Nachkommen der biblischen Israeliten.

Wenn der Leser bereit ist mit dem Autoren gemeinsam über solche Provokationen nachzudenken und nachzuvollziehen wie Shlomo Sand zu diesen Überzeugungen gekommen ist, wird er dieses Buch wie einen Krimi verschlingen. Für mich war es das Interessanteste was ich in den letzten Jahren zu diesem Thema auf deutsch zu lesen bekam. Wer über Israel nachdenken will, der kommt an diesem Buch nicht vorbei.
Respekt
5 Punkte 5 von 5 Punkten
Ich will nicht viel drum herumreden. Das Buch ist genial und ich bin froh, dass es auch unter den Juden solche mutigen Revisionisten gibt. Der Autor hat Respekt verdient. Die Eltern des Autors sind vor den Nazis geflohen und in Israel wird dieser Mann aufgrund seines Revisionismus als Nazi beschimpft. Wie pervers ist das denn? Möge sich jeder seine eigene Meinung bilden, was auf der Welt hinter den Kulissen passiert. Aber dieses Buch sollte auf jeden Fall zur Meinungsbildung beitragen.
Streitschrift statt historisches Werk
1 Punkte 1 von 5 Punkten
Wie stark ist die Kontinuität zwischen den heutigen Juden und speziell den israelischen Juden und den Juden der Antike? Auf diese spannende Frage verspricht Schlomo Steins Buch Antwort zu geben - und scheitert. Der Grund ist simpel: Sand hat über das Thema seines Werkes nie selber geforscht, ist er doch Spezialist für die französische Geschichte des 19. Jahrhunderts. Stattdessen arrangiert er die Früchte einer eher oberflächlichen Recherche in der Sekundärliteratur zu einer gut geschriebenen Streitschrift, die die Kontinuität des Judentums widerlegen soll. Vielleicht ist das so, vielleicht auch nicht. Eine wissenschaftlich fundierte Analyse wie sie ein Universitätsprofessor seinen Lesern schuldet (Sand lehrt Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität Tel Aviv) liefert der Autor nicht. Schade, so ist das Buch wertlos, und Zeit und Geld sind vergeudet für ein Pamphlet.
Gegen den Strom
5 Punkte 5 von 5 Punkten
"Wir Deutschen haben eben ein besonderes Verhältnis zum Staat Israel". Dieser Satz wird nur zu gerne gebraucht, wenn es darum geht, ethnische Säuberungen, Kriegsverbrechen, Menschenrechtsverletzungen oder die Praxis der "Verwaltungshaft" Israels kleinzureden.

Als Nächstes folgt dann unverzüglich der Hinweis auf das Existenzrecht Israels. Als Begründung hierfür wird fast immer die Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstandes im Jahre 135 n. Chr. angeführt, die angeblich zur Vertreibung des jüdischen Volkes aus ihrem Heimatland Judäa führte. Wer etwas anderes zu sagen wagte, der bekam sehr schnell die weltweit reichende Macht der "Anti-Defamation League" zu spüren.

Seit einigen Jahren sind es jüdische Wissenschaftler und Gelehrte, die sich mutig mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen beginnen. Israel Finkelstein und Neil A. Silberman machten mit ihrem Werk "Keine Posaunen vor Jericho" 2003 den Anfang. Norman G. Finkelstein folgte 2005 mit seinem Buch "On the Misuse of Anti-Semitism and the Abuse of History". Ilsan Pappe veröffentliche 2007 "The Ethnic Cleansing of Palestine".

Nun also Shlomo Sand. Akribisch setzt er sich mit dem Dogma von der Vertreibung des jüdischen Volkes auseinander. Er führt es schnell und überzeugend ad absurdum. Die Juden sind kein Volk, sondern eine Religionsgemeinschaft.

Man muss kein Prophet sein, um festzustellen, dass Sands Werk keine kurzfristigen Auswirkungen auf den Nahostkonflikt oder auf die bemitleidenswerte Situation der Nichtjuden im Staate Israel haben wird. Bei diesem Buch handelt es sich nämlich "nur" um eine intellektuelle Auseinandersetzung, die an den Grundfesten des Judentums rüttelt. Macht wird heutzutage aber nicht von Intellektuellen ausgeübt, sondern von Medienmogulen und Politikern.

Dieses Buch ein Muss für all diejenigen, die an einer sachlichen Diskussion zum Thema Judentum interessiert sind.
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